Praktikum in Ma Niketan

Nach ihrem Abitur hat Pia im Herbst 2011 für zwei Monate im Waisenhaus Ma Niketan ein Praktikum absolviert. (Pia ist die Tochter der zweiten Vorsitzenden in unserem Verein.) Ihre Aufgaben waren vielfältig: Hausaufgabenhilfe, Betreuung der Jüngsten, Weihnachtsvorbereitungen, Lieder üben mit einem Mädchenchor, und vieles mehr. Der nachfolgende persönliche Bericht sowie eine Bildergalerie geben einen kleinen Eindruck von Pias Tätigkeit wieder.

Nach Pias begeisterten Schilderungen über die gute Arbeit der Schwestern im Waisenhaus haben sich der Vorstand und die Mitgliederversammlung des VFKE e.V. entschlossen, im Jahr 2012 den Schwerpunkt der Förderung auf Ma Niketan zu legen.

 

Seit 2001 fördert der VFKE e.V. Ma Niketan mit gezielten Projekten, so z.B. eine Solaranlage, Regenwasserspeicherung, oder Schuluniformen. Im Jahr 2002 war es dem VFKE bereits möglich gewesen, durch Spendengelder den Neubau von zwei Wohn- und Schlafhäusern zu finanzieren. Die alten Häuser sind einsturzgefährdet. Nun ist ein weiteres Haus in einem bedrohlichen Zustand, und wir vom VFKE e.V. möchten den Schwestern und den Mädchen in Mumbai dabei helfen, auch dieses Haus wieder sicher bewohnbar zu machen.

 

 

Pias Bericht

Zwei Monate in Ma Niketan


Ein Erfahrungsbericht von Pia, 18 Jahre alt


Nach 10 Stunden Flug wurde ich am 25. Oktober 2011 um Mitternacht am Flughafen von Mumbai von zwei Schwestern der „Helpers Of Mary“ aus dem Waisenhaus „Ma Niketan“ abgeholt. Darüber war ich sehr froh, da der indische Verkehr, im Vergleich zum deutschen, stark überfüllt, hektisch und chaotisch ist.
Zum Zeitpunkt meiner Ankunft wurde in Indien das Fest „Diwali“ gefeiert (Lichtfest und Beginn des neuen Jahres für Hindus, vergleichbar mit Silvester). Deshalb war Ma Niketan, wie auch die meisten Häuser und Straßen, mit bunten Lichterketten festlich geschmückt und erschien mir in der Nacht meiner Ankunft wie ein kleines Wunderland.


An meinem ersten Morgen wurde ich von den Mädchen und Schwestern gleich sehr herzlich empfangen, so dass ich mich von Anfang an wohl und willkommen in Ma Niketan fühlte und ich mich schnell einlebte! Die Mädchen brachten mir großes Interesse entgegen - nach zwei Monaten genauso wie am ersten Tag - was wirklich erstaunlich und berührend war.


Momentan bietet Ma Niketan 351 Mädchen Platz zum Wohnen, Leben, Essen, Lernen und Spielen. Die Jüngste ist vier Jahre alt und in sofern eine Ausnahme, da sie noch nicht zur Schule geht, aber schon fleißig mit den Vorschul-Mädchen mitlernt. Gedacht ist, dass die Mädchen solange in Ma Niketan bleiben, bis sie die Schule nach der 12. Klasse abschließen und somit eine vollständige Schulbildung haben. Danach kehren sie eventuell zu Verwandten zurück und fangen an zu arbeiten. Ist das jedoch nicht möglich, bleiben sie noch ein paar Jahre länger, bis sie sich die Miete in einem Hostel (vergleichbar mit (Studenten)-Wohnheimen) leisten können. Allzu lange können die Mädchen nicht in "Mothers Home" bleiben, denn es gibt zahlreiche jüngere Mädchen, die auf einen Platz dort warten.


In Ma Niketan leben nicht ausschließlich Waisenkinder. Viele der Mädchen haben noch ein Elternteil, welches aber allein nicht in der Lage ist, sich um (alle) Kinder zu kümmern. Ein Kind erzählte mir, dass sein Vater beim Zähneputzen draußen am Brunnen von einer Männerbande erstochen wurde - ohne Grund. Die jetzt auf sich allein gestellte Mutter kann nicht mehr alle Kinder versorgen und hat deshalb ihre Tochter zu den "Helpers of Mary" gebracht.

Krankheiten wie Aids oder Lepra sind die häufigsten Gründe, warum Kinder ihre Eltern verlieren und nach Ma Niketan kommen.


Für diese große Anzahl von Kindern sind nur zehn (!) Schwestern verantwortlich. Es ist wirklich bewundernswert, wie gut und mit welcher Liebe und Ausdauer sie sich um die Mädchen kümmern.


Auf dem Gelände Ma Niketans, das mit einer Vielzahl prächtiger grüner Pflanzen wie eine Oase in der Großstadt Thane wirkt, stehen insgesamt neun Gebäude.

Es gibt vier Wohnhäuser für die Mädchen, welche Platz für jeweils 30 bis 70 Kinder bieten. Um jedes Haus kümmert sich immer eine Schwester mit viel Kraft und Geduld, zum Glück kann sie auf die Hilfe und Mitarbeit der älteren Mädchen zurückgreifen. Jedes Wohnhaus verfügt über eine eigene kleine Küche zum Teekochen, einen Waschbereich und einen großen Allzweckraum, der wahlweise zum Essen, Lernen, Spielen und Schlafen genutzt wird. Zusätzlich gibt es ein Haus, das als Aula für Versammlungen, Gottesdienste und nachmittags für Hausaufgaben und andere Kurse genutzt wird. Hier befindet sich auch eine große Ansammlung von Büchern, die die Mädchen nutzen können.

Für die kleine Krankenstation vor Ort ist ebenfalls eine der Schwestern zuständig. Das Haus kann etwa 15 Patienten beherbergen. Hier wohnen zusätzlich noch etwa sechs ältere Mädchen, die bereits eine Arbeit haben und bald in ein Hostel ziehen werden. Auch ich habe in den 2 Monaten in diesem Haus in einem eigenen Zimmer geschlafen. Zum Ende meines Aufenthalts erfuhr ich, dass dieses demnächst als Zahnarzt-Behandlungsraum umfunktioniert wird.
Das Haupthaus ist ein großes Gebäude, was neben dem Büro und der Kapelle für die Schwestern auch ein kleines freundliches Empfangszimmer für Besucher hat, sowie eine Küche, in der ausschließlich für die Schwestern und Besucher gekocht wird.
In einem separaten großen Küchengebäude wird wiederum nur für die Mädchen gekocht, zusätzlich befinden sich in diesem Haus die Essensvorräte.

Momentan wird eines der alten Wohnhäuser zu einem „Lern- und Computerhaus“ umgebaut. Durch Spenden können 20 neue Computer angeschafft werden, was für die älteren Mädchen des elften bis dreizehnten Jahrgangs eine tolle Hilfe ist und was ihnen wichtige neue Chancen eröffnet.

 

Während meines Aufenthalts wollte ich in möglichst vielen verschiedenen Bereichen des Waisenhauses helfen. Meine Aufgaben konnte ich frei wählen. So entschied ich mich, in Absprache mit den Schwestern, zunächst einer Gruppe kleinerer Mädchen (zwischen vier und elf Jahren) einen Tanz beizubringen; außerdem sangen wir gemeinsam Lieder in indischer, englischer und deutscher Sprache. Für solche Beschäftigungen war während der dreiwöchigen Diwali–Ferien ausreichend Zeit. Als die Schule wieder begann, half ich bei den Hausaufgaben, bereitete einige Drittklässlerinnen auf eine für sie wichtige Prüfung vor, lernte mit Vorschülerinnen Gedichte auswendig und dekorierte zusammen mit einer Schwester die Aula für wichtige Veranstaltungen oder auch für Gottesdienste.

 

Zur Veranschaulichung des strammen Lebens der Mädchen hier der normale Tagesablauf in Ma Niketan:

 

05.00 h             Aufstehen und Beten

05.30 h             Frühstück

06.00 h             Katholische Mädchen gehen zum Gottesdienst, die anderen bleiben zu Hause und

                        machen „charge“ (Sauber machen, Aufräumen)

07.00 h             Schule

12.30/14.30 h  Rückkehr von der Schule

13.00 h             Lunch

13.30 h             Charge

14.00 h             Hausaufgaben, Lernen, es kommen Nachhilfelehrer

17.00 h             Charge

17.30 h             Pause und Snacks

18.00 h             Yoga

18.30 h             Beten

19.00 h             Dinner

Bis etwa 21 h    Charge und/oder Hausaufgaben

 

Überraschend für mich war, dass wirklich alle Kinder Ma Niketans auf Privatschulen gehen. Mir war vorher nicht bewusst, dass die staatlichen indischen Schulen so schlecht angesehen sind, dass man eine Privatschule besuchen muss, um echte Chancen im weiteren Leben zu bekommen.

 

Gab es einmal keine Aufgabe für mich, ging ich in die Küche, wo ich von den dort arbeitenden Frauen zum Beispiel das Backen der Chapatis (flache indische Brote) lernte. Auch hier freute man sich über meine Unterstützung.

 

Je näher Weihnachten rückte, desto mehr gab es in Ma Niketan zu tun und umso fester wurde ich in die Vorbereitungen mit eingebunden. Neben Weihnachtssternen basteln und Weihnachtskekse backen mussten auch die Geschenke für alle 350 Mädchen eingepackt werden. So saßen einige der älteren Mädchen und ich stundenlang zusammen und beschrifteten und verzierten Tüten, nachdem wir diese mit kleinen Geschenken bestückt hatten: einfache, aber für den Alltag der Mädchen notwendige Verbrauchsartikel, eben hübsch verpackt. Auch hier, sowie in vielen anderen Bereichen, zeigte sich die liebevolle und sehr kreative Seite der Schwestern, so dass Weihnachten, das Fest der Liebe, seinem Namen alle Ehre machte. Wir haben an jedem Adventssonntag eine sehr feierliche Adventsstunde zusammen in der Aula verbracht. Jeweils eines der vier Wohnhäuser hatte eine Feier besonders schön vorbereitet.

 

Trotz der unterschiedlichen, schweren Schicksale, die die Mädchen mit sich herumtragen, war es für mich immer wieder erstaunlich zu sehen, mit welcher Freude und Willenskraft sie jeden neuen Tag angehen.

 

Der Erfolg von Ma Niketan ist dem großen Engagement der Schwestern zu verdanken, die jedoch auf die tatkräftige Unterstützung von Spendern angewiesen sind, da der indische Staat Einrichtungen wie diese in keinerlei Hinsicht fördert.

 

Ich bin glücklich und sehr dankbar für eine so überaus erfüllende und mich bereichernde Zeit, wie ich sie in Ma Niketan verbringen durfte. Viele kleine Momente haben dazu geführt, dass mir dieser Aufenthalt für immer in Erinnerung bleiben wird.

Dementsprechend schwer fiel mir der Abschied; doch ich bin schon jetzt entschlossen wiederzukommen.

 

 

Bildergalerie

Auf ein Bild klicken zur vergrößerten Ansicht.